Kreuzfahrt durch die Nacht

Ordentlich Spritzwasser um die Ketch
Ordentlich Spritzwasser um die Ketch

Wettervorhersage: 4 Bft Süd-West bis West mit Böen bis 5 Bft. Sonnenschein / gegen Abend abflauend

Wir starten früh morgens in Kalmar – ohne Kaffee – und fallen sofort in Wettkampfmodus mit einer Luffe 40. Jaja, alle wollen in Süden :-). Der Wind ist eher Süd als West und eher 5 als 4 BFT. Wir sind auf der Kreuz und mit 7,2kn Geschwindigkeit unterwegs. Perfekt, da schlägt des Regattaseglers Herz einen Takt schneller, auch wenn wir sportlich schräg daher kommen, und die Gischt über das Deck duscht. Die Wettervorhersage scheint mal wieder nicht ganz toll zu stimmen. Wir schließen das Fenster der Vorkabine. Es wird wohl wieder ein sehr nasser Ritt.

Ziel: Karlskrona ca 60sm an der Südküste ums Eck. Sollte es noch mehr Wind werden, können wir Sandhamn ca 40sm (80km) anlaufen.

Aktuelle Besegelung: Kleine Genua (44qm) und Besanstag (25qm)

Safari rennt ….. der Wind frischt etwas auf …. und dreht noch südlicher …… es läuft …. und macht Spaß …. alles was nicht fest in der Kajüte verstaut war, liegt bereits am Boden. Irgendwas fliegt immer.

Blick zurück in Kalmarsund
Blick zurück in Kalmarsund
Stehende Bändel auf Safari
Stehende Bändel auf Safari
7,2 Knoten auf der Kreuz in Südostschweden
7,2 Knoten auf der Kreuz in Südostschweden

 

Je weiter wir südlich kommen, umso höher und kürzer wird die Welle. Der Wind wird stärker. Mittlererweile haben wir in Böen gute 6 Bft. Mein Versuch mit doppelten Rittberger in der Kabine Essen (kalt) zuzubereiten, scheitert grandios mit Übelkeit. Die Luffe 40 – unser Konkurrent – und die anderen wenigen Segler steuern zielgerichtet Sandhamn an. Weit unter Land. Wir bleiben mehr im Fahrwasser, denn mit unseren 2 Metern Tiefgang und unserem Traditionssegler, können wir uns bei diesen Windbedingungen auf der Kreuz nicht auch noch um Untiefen kümmern.

Es frischt weiter auf. Die ersten Böen mit 7 Bft treffen uns. Aber noch scheint die Sonne und als Regattasegler auf Finn Dinghi sind wir naß und schräg gewohnt. Durch den Wassergraben rauscht die Ostsee, und Safari rennt ….

 

Angespannt und hoch konzentriert - keinen Meter verschenken ...
Angespannt und hoch konzentriert – keinen Meter verschenken …

Es ist nachmittags, als sich der Kalmarsund dem Ende (oder Anfang) zu neigt. Und genau hier fängt die Welle an, extrem steil zu werden. Zu kurz für unseren Atlantik-Racer der 50er Jahre ist die Welle eh.Und sie wird höher und höher

Mittlererweile haben wir solche Schräglage, daß die Heringsschwärme zum Küchenfenster reinschauen. Das bremst. Wir hoffen noch ein kurzes Weilchen, daß der Wind seine Spitze erreicht hat, und merken bald, daß weniger Wind heute wohl nicht wird. Angespannt und konzentriert steuern wir Safari auf der Kante. Es hilft nichts, der Wind wird mehr und wir haben zuviel Tuch!

 

Ordentlich Spritzwasser um die Ketch
Ordentlich Spritzwasser um die Ketch

 

08_kreuzfahrt_wassergraben
Die Ostsee kann wild sein …

 

 

Michl jumpt zum vorderen Mast und birgt das Besanstag. Bis das Segel ordentlich am Baum verzurrt ist, vergehen einige Minuten unter Schwerstarbeit. …. und Safari rollt rauf und runter und ordentlich quer … vorne sticht der Klüver immer wieder in die Welle.

Kaum wieder im Cockpit, rutscht das Focksegel samt Sack vorne ins Wasser. Michl turnt im flotten Flickflack nach vorne, und wuchtet einen Koffer voller Wasser samt Segel irgendwie wieder an Bord. Die Welle kommt über, spült ihn einmal durch und den Focksack wieder ins Wasser und er wuchtet weiter und ich weiß gar nicht, ob der Kapitän noch an Bord ist. Hab ihn aber nicht schwimmen sehen, also wird er noch weiter seinen stillen Kampf mit dem Segelsack auskämpfen. Halbe Ewigkeit später, sein Gang auf allen Vieren zurück nach hinten.

Steuern ist Schwerstarbeit, weil nur noch Genua II vorne. Wir brauchen hinten mehr Druck. Michl turnt hinten rum und setzt das Besansegel im 2. Reff. Das alte Luder will nicht ordentlich segeln. Mit zuwenig Druck im Segel kommen wir nicht ordentlich durch die Welle. ZefixzefünferSackerlZementHimi A…&Zwirnl! Welche Besegelung passt denn zu den Bedingungen hier auf dem Ostsee?)

17 Uhr, wir sind bereits seit 10 Stunden auf der Kreuz. Es frischt weiter auf, Grundwind 7 Bft und die 44qm Genua werden uns zu heiß.

Michl mit Hechtrolle und Grätschsprung wieder zum vorderen Mast und das Besanstag hoch. Michl turnt weiter nach vorne, und läßt die Genua runter. Ich versuche das Schiff ganz an der Kante zu segeln, damit noch etwas Geschwindigkeit im Boot bleibt und Safari nicht so verückt Schaukelpferd spielt. Der Speed ist jedoch schnell dahin und die Safari-Nase sticht immer und immer wieder in die Wellen ein. Da die Welle so kurz ist, ist der Hintern vom Schiff noch hoch in der Luft, wenn die nächste Welle schon vorne über die Spitze läuft. Wasser bis über die Ankerwinde. Die Anker ächzen in ihrer Halterung am Klüver.

In Spagatquerspreize – mit Rücken zur Wasserfontäne -knüpft er Beste aller Seemänner die Genua mit ihren 44qm (soviel Tuch haben manche am ganzen Schiff nicht) ab, verbänselt sie an der Reling (welche erst hinter der Ankerwinde anfängt – und schlägt die Fock (ja genau, die die vorher schon mal schwamm) an das Kutterstag an. Dann noch die Leinen umschoten (Seile umknoten).

Immer wieder kommt die Welle über das Vorschiff und beim Käptain´s Hosenbein rein und zum Kragen raus. Ne gute halbe Stunde harte Seemannsarbeit. Kommt die Welle, ist das Wasser bis zur Ankerwinde. Michl ist irgendwo davor und entwickelt eine Salzwasserallergie …

Tropfnaß auf allen Vieren der Rückzug. Mit Felgaufschwung der Weg in die Kajüte zum umziehen. Hast Du schon mal versucht bei rollenden 45° ne Hose anzuziehen? Ist lustig, echt. Erst versuchts Du Dich auf der Koje zu halten um ein Bein einzufädeln. Und dann kommt unweigerlich der Zeitpunkt, wo Du aufstehen mußt. Kaum den Hintern gelupft, schlägt gnadenlos die Schwerkraft zu. Im Schanzenflugstil Hose hoch, noch ne Hose hoch, Unterwäsche und Pullis auch in die Hose, und immer schön locker im rechten Knie ….

Mittlererweile ist abends, wir haben 35kn Wind (7 Bft) und der Hafen in Sandhamn ist voll und damit für uns zu klein.

Sacklzementzefix…… Wir müssen weiter segeln.

ZWei Möglichkeiten gibt es:

1.Weiter kreuzen Richtung Simrishamn, quer durch die Hanö Bucht

2. Ablaufen nach Danzig

 

Schlaumischlaus erkennen jetzt sofort noch die Möglichkeit des Schäreninnenfahrwassers, was aber wegen der Brücke nicht geht und dem Motoren nach Karlskrona, was aber bei diesen Bedingungen wegen dem Motor nicht geht, und dann wäre noch umdrehen und die 50 sm zurück, was aber nicht wirklich eine Alternative darstellt.

 

Und wir wählen die schlechtere der zwei Lösungen:

Kreuzfahrt durch die Nacht

Kurzform: Angebändselte Genua wird von Welle halb ins Wasser gespült, Besanbaum ist mit gerefftem Segel zu lang und steht am Achterstag an, Besan runter, Besanstag wieder hoch, Fock wieder runter und abschlagen, Genua wieder anschlagen und hoch, der Mond linst mal schnell übern Teich, sieht zwei Deppen den einsamen Kampf mit Gegenwind und Welle kämpfen, kann der Komödie nicht zusehen und verschwindet heimlich wieder.

Leider waren wir mit segeln beschäftigt, weshalb es nur ein Bild vom Sonnenaufgang um 4.20 Uhr gibt .-)

 

Sonnenaufgang um 16.20 Uhr .... endlich ...
Sonnenaufgang um 16.20 Uhr …. endlich …

 

 

Nach gefühlten 87 Segelwechseln und flotte 6-7 Bft erreichen wir völlig k.o. Karlshamn, die Stadt des Speiseöls.

 

Die Kreuzfahrt durch die Nacht: Kalmarsund & Hanöbucht
Die Kreuzfahrt durch die Nacht: Kalmarsund & Hanöbucht

 

Einfahrt nach Karlshamn - die Stadt des Speiseöls
Einfahrt nach Karlshamn – die Stadt des Speiseöls

 

Um 11 Uhr liegen wir fest, der Wind hörte pünktlich mit dem Festmachen auf, doch leider können wir nicht gleich schlafen, denn ein Spaltbreit offenes Skylight schöpfte Eimerweise Wasser in die Schlafkajüte …

 

Eine Wahnsinns – Nacht:

  • 120 sm auf der Kreuz
  • Winde zwischen 5 und 7 Bft
  • 9 Segelwechsel an den MAsten und am Vorstag
  • zu Zweit auf einem 8-Mann konzipierten Regattaschiff
  • klassische Handarbeit ohne modernen Schnickschnack

 

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Turnplatz „Oldtimer-Schiff“

 

Auch wenn es nicht auf eine klassische Segelyacht paßt:

Eine Rollreffanlage bedeutet Sicherheit!

und …

Eine Heizung an Bord ist wunderbarer Luxus!

Kübelweise Salzwasser im Bett ist Sch….

und Badeurlaub im Kalmarsund auch nicht witzig!

 

 

Aber immerhin liegen wir in guter Gesellschaft mit dem Traditionssegler „Tre Kronor“

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Mädels bei der Arbeit …
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Traditionssegler unter sich … ;-)

 

Ahoi

Ulli & Michl

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